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Blog der Stadtschulpflegschaft Duisburg - Die Elternvertretung in der Stadt Duisburg

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4. Dezember 2011

Aufbruchstimmung durch Sekundarschulen

“Attraktiv für Eltern und Kinder”

Der Landtag hat sich für die geplante Schulnovelle ausgesprochen. Am Donnerstag (20.10.2011) soll die Sekundarschule endgültig im Schulgesetz verankert werden, nach Ansicht des Schulforschers Ernst Rösner führt das zum “Aus” von Haupt- und Realschulen.

WDR.de: Die Sekundarschule wird im Schulgesetz festgeschrieben. Ein Tag zum Feiern?

Ernst Rösner: Auf jeden Fall ein guter Tag. Endlich gibt es freie Fahrt für die Modernisierung der Schulstruktur. Dass gleichzeitig die Hauptschule als Verpflichtung für den Schulträger aus der Verfassung gestrichen wird, ist eine längst fällige Entscheidung. Schließlich rührt ihr Ursprung aus Zeiten her als sie noch die Volkschule war, auf die 85 Prozent der Kinder gingen. Zuletzt wählten gerade noch 12,3 Prozent der Eltern die Hauptschule für ihr Kind.


Dr. Ernst Rösner; Rechte:TU Dortmund

Dr. Ernst Rösner

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WDR.de: Ihnen wird häufig vorgeworfen, Hauptschulen zu verteufeln und an ihrem schlechten Image mitschuldig zu sein …

Rösner: Ich kenne den Vorwurf, er ist grundlos. Ich betone noch einmal: Viele Hauptschulen haben exzellente Arbeit geleistet und viele dort tätige Lehrerinnen und Lehrer haben sich über die Maßen für die Jugendlichen eingesetzt. Doch das Firmenschild Hauptschule allein wirkt schon abschreckend. Wenn nur noch so wenige Kinder dort angemeldet werden, fragen sich die Eltern: Warum muss mein Kind dahin, wo sonst kaum noch einer hingeht?


WDR.de: Haben Sie Verständnis dafür, dass die rot-grüne Landesregierung mit Gemeinschafts- und Sekundarschule zwei neue Schulformen einführt, obwohl sie eigentlich auf weniger bauen wollte?

Rösner: Verständnis ja, weil es ein Kompromiss ist, der parteiübergreifend durchzusetzen war. Aber ich bin sicher, der Markt wird das schon regeln.


WDR.de: Will heißen?

Rösner: In fünf Jahren hat sich meines Erachtens das Thema Hauptschule erledigt. Und die Realschule wird folgen.


WDR.de: Das wird man dort nicht gerne hören …

Rösner: Richtig und das Geschrei wird wieder groß sein. Aber man muss der Realität ins Auge schauen. Die Realschule verliert mit dem Ende der Hauptschule ihre Funktion als mittlerer Bildungsgang. Sie bietet keine gymnasialen Standards wie die Sekundarschule und hat im Übrigen damit zu kämpfen, dass die Gymnasien ihr Potenzial abschöpfen.


WDR.de: Sie glauben, die Gymnasien füllen ihre Schulen mit Schülern auf, die sie früher ungern aufgenommen hätten?

Rösner: Das war immer schon so, anders ist die Expansion des Gymnasiums nicht erklärbar. Der demografische Verlust seit 2001 beträgt etwa 17 Prozent Schülerinnen und Schüler. Bei den Gymnasien wirkt er sich mit nur fünf Prozent aus, in Realschulen aber 19 Prozent. Gymnasien breiten die Arme aus und begrüßen herzlich auch solche Kinder, die sie früher abgelehnt hätten. Darüber aber dürfen sich die Realschulen nicht beklagen. Sie haben es ja nicht anders gemacht und sich am Hauptschulpotenzial schadlos gehalten. Das Prozedere macht aber auch die Fragwürdigkeit und Sinnlosigkeit dieser Schulgliederung deutlich: Die Frage, ob ein Kind auf diese oder jene Schule kommt, darf doch nicht davon abhängen, ob es gerade mal viele oder weniger Kinder zu verteilen gibt. Darum ist die Sekundarschule eine gute Lösung. Sie verlängert das gemeinsame Lernen, bietet gymnasiale Standards und wird so attraktiv für die Eltern und Kinder.


WDR.de: Was erwarten Sie von Sekundarschulen konkret?

Rösner: Erst einmal gehe ich davon aus, dass ihre Zahl drastisch steigen wird. Dann erwarte ich eine signifikante Veränderung des Unterrichts. Eigenständiges Lernen, individuelle Förderung und der Lehrer als Koordinator werden ihn prägen. Wir werden Abschied nehmen dürfen vom Fossil Sitzenbleiben, denn bei einem Misserfolg eines Kindes wird stets auch nach der Verantwortung der Schule gefragt werden. Und ein neues Selbstverständnis von Fördern und Fordern wird sich durchsetzen.


WDR.de: Die Pädagoginnen und Pädagogen sind in großer Zahl auch diejenigen, die jetzt bereits unterrichten. Warum muss erst eine neue Schulform her, damit sich Unterricht ändert?

Rösner: Es gab bislang wenig Anreize und keine Verpflichtung, sich neu aufzustellen. Jetzt gibt es andere Herausforderungen durch leistungsgemischte Lerngruppen. Das ist ein Signal. Viele, die schon länger auf einem neuen Kurs sind und Veränderungen bewirkt haben, werden andere mitziehen. Man kann, glaube ich, durchaus von einer Aufbruchstimmung sprechen.


WDR.de: Wird die Lehrerausbildung dieser Entwicklung gerecht?

Rösner: Ich bin manchmal erschüttert, wie wenig sie darauf eingerichtet ist. Da müssen viele Universitäten noch nachsitzen. Aber für die bereits aktiven Lehrerinnen und Lehrer bietet NRW eine ganze Menge an Fortbildung und Coaching. Das wird genutzt, schließlich sind Pädagogen nicht so passiv, wie oft geglaubt und behauptet wird. Sie sind schließlich keine Schafe, die jetzt zur Schlachtbank geführt werden möchten, sondern wollen den Wandel aktiv mitgestalten.

Das Gespräch führte Stephan Lüke.

Audios und Videos zur Sekundarschule [Mediathek]

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