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Blog der Stadtschulpflegschaft Duisburg - Die Elternvertretung in der Stadt Duisburg


10. April 2010

Gefährdet das Hauptschulsterben die Wirtschaft?

n der Bildungspolitik tobt ein neuer Klassenkampf. Die alte Hauptschule stirbt – und die Politik schwankt zwischen Rettung und Radikalkur. Über die Konzepte der Länder und die Folgen für die Wirtschaft.

Lernen fürs Lebens: Neuntklässler der Bochumer  Werner-von-Siemens-Schule Bild vergrößern Lernen fürs Leben: Neuntklässler der Bochumer Werner-von-Siemens-Schule Dirk Krüll für WirtschaftsWoche

Erwin Schulte nimmt es sehr genau. Keine Arbeit verlässt den Raum, ohne dass der Schreinermeister sie penibel prüft. Schultes Reich ist die Lernwerkstatt Holz an der Werner-von-Siemens-Schule in Bochum. Hier demonstriert er Neunt- und Zehntklässlern den richtigen Umgang mit Bohrer, Hobel und Schleifpapier. Und nicht nur das. Schulte will seinen Schülern mehr mitgeben: Pünktlichkeit, Genauigkeit, Zuverlässigkeit. Tugenden, die sie brauchen, um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben.

Gewalt, Drogen und Leistungsverweigerung – mit dem gängigen Image einer Hauptschule haben die Bochumer nur wenig gemein. Projekte wie die Lernwerkstatt haben ihr einen guten Ruf eingebracht. Von zehn Abgängern, die eine Ausbildung beginnen, halten hier neun durch. Üblicherweise sind es nur fünf bis sieben. Auch für die Schule selbst zahlt sich das aus: Sie verbucht konstante Anmeldezahlen. Und das seit Jahren.

Doch solche Hauptschulen sind selten geworden in Deutschland. Immer weniger Eltern vertrauen dieser Schulform noch ihre Kinder an. Zwischen 1999 und 2008 fielen die Schülerzahlen der Hauptschulen deutschlandweit um knapp 25 Prozent. Immer mehr Bundesländer reagieren deshalb mit Reformen, die ein gemeinsames Ziel haben: die komplette Abschaffung der Hauptschule.

Bildungssystem produziert hoffnungslose Schicksale

In der Politik reift die Erkenntnis, dass das deutsche Bildungssystem schon zu lange hoffnungslose Schicksale produziert – und damit fast ohne Umwege Empfänger von Sozialleistungen. Die gewaltige Summe von 2,8 Billionen Euro koste Deutschland die unzureichende Ausbildung seiner Schüler, rechnet der Bildungsökonom Ludger Wößmann vor. Wohlstand, der Deutschland in den kommenden 90 Jahren verloren ginge, wenn das Niveau an den Schulen so bliebe, wie es ist. Wößmanns Gleichung: Erst schränkt unzureichende Bildung die persönliche Entfaltung ein. Später übersetzt sich diese Verkümmerung in kümmerliche Wachstumschancen. „Es geht nicht um Peanuts“, warnt Wößmann.

Mittelständler und Großkonzerne treibt die gleiche Sorge: Wie komme ich in Zukunft noch an gut qualifiziertes Personal? Nervös machen sie Zahlen wie diese: 5,2 Millionen Fachkräfte könnten 2030 in Deutschland fehlen, warnt eine Prognos-Studie für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Das Problem ist dabei weniger die Abiturienten- und Studierquote. Eine bislang ungenutzte Fachkräfte-Reserve schlummert für die Unternehmen unterhalb des Gymnasiums. Dort sitzen die am schlechtesten ausgebildeten Schüler, bei denen es „noch nicht gelungen ist, die Defizite zu beheben“, klagt Sybille von Obernitz, Bildungsexpertin beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag.

An der Frage, wie dieser Missstand im System be- und das Potenzial gehoben werden kann, ist ein neuer Klassen-Kampf entbrannt. Er konzentriert sich vor allem auf eine Schulform: die Hauptschule. Sie ist in den letzten Jahren in vielen Städten und Regionen zu einem Synonym für Perspektivlosigkeit geworden, verkommen zur Restschule für die bildungsferne Schicht. Und dieser stille Tod hat handfeste Gründe. Denn die Hauptschule leistet nicht, was sie sollte.

Ursprünglich sollte sie Jugendliche auf eine Berufsausbildung vorbereiten. Eigentlich. Die Realität sieht anders aus: Etwa 15 Prozent aller deutschen Schüler erreichen heute nicht das Grundbildungsniveau von 420 Pisa-Punkten. In der Diktion des internationalen Schülervergleichstests gilt fast jeder Fünfte somit als ein solcher „Risikoschüler“. Hinter der nüchternen Zahl 420 verbergen sich Jugendliche, die mit 15 Jahren mühsamer rechnen und fehlerhafter schreiben als durchschnittliche Grundschüler – und überdurchschnittlich viele von ihnen gehen auf eine Hauptschule. Ihre Chancen auf sinnvolle Arbeit, mit der sie sich ohne staatliche Stütze ernähren können, sind nahe null.

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Grafik: Entwicklung der Schülerzahlen Bild vergrößern Grafik: Entwicklung der Schülerzahlen

Fast jeder vierte Hauptschüler sagt Jahr für Jahr sogar ganz ohne Abschluss Lebewohl. Gleich mehrere Jahrgänge aus Neu- und bislang erfolglosen Altbewerbern tummeln sich dann gemeinsam auf dem Ausbildungsmarkt. Fast die Hälfte all dieser Azubis in spe – ob mit oder ohne Abschluss – muss regelmäßig erst einen Grundbildungskurs absolvieren, um überhaupt die Reife für eine Lehre zu erlangen. Es sind Bildungsarmutszeugnisse für die Schulen, aus denen sie kommen.

Die Wirtschaft reagiert entsprechend aufgeschreckt und engagiert sich zunehmend mit Vor-Ort-Programmen. Um geeigneten Nachwuchs zu gewinnen, richtete etwa der Stahlproduzent ThyssenKrupp Nirosta eine Metall-Werkstatt an einer Hauptschule am Krefelder Stammsitz ein. Zusätzlich schickt das Unternehmen eigene Ausbilder, um für die Lehre zum Industriemechaniker zu werben. „Wir stellen bei Bewerbern von der Hauptschule Defizite fest, deshalb werden wir dort selbst tätig“, sagt Elke Humpert, die Leiterin der Personalentwicklung. Ohne Absolventen von Haupt- und Realschulen werde man nicht wachsen können, so Humpert. Sie machen rund 60 Prozent der Lehrlinge aus. Aber bei Kosten von bis 80 000 Euro pro Ausbildung müssen es die richtigen sein. Selber reparieren könnte deshalb zur Dauereinrichtung werden.

Vorbild sind die skandinavischen Schulsysteme

Das aber ist gerade für Kleinbetriebe oft kaum möglich. Wenn Bärbel Rumohr für ihren siebenköpfigen Malerbetrieb im Krefelder Norden geeignete Lehrlinge sucht, ist manchmal bei 50 Bewerbern kein einziger passender dabei. „Die Kenntnisse, die wir hier brauchen, fehlen häufig. Wir können das nicht nachholen“, sagt sie. Es hapert vor allem in Mathe und Deutsch. Rumohr würde am liebsten einfach Realschüler nehmen, aber „die kriegen sie kaum“. Also nutzt sie die Zuschüsse der sogenannten Einstiegsqualifizierung der Arbeitsagentur. Praktikanten sollen so in einem Jahr im Betrieb ausbildungsreif werden.