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Blog der Stadtschulpflegschaft Duisburg - Die Elternvertretung in der Stadt Duisburg


9. September 2010

Lehrer dürfen Noten anders runden

Lehrer müssen nicht immer die Note vergeben, die sich rechnerisch aus den einzelnen Bewertungen der schriftlichen und mündlichen Schülerleistungen ergibt. Sie dürfen gerade auch für Versetzungszeugnisse negativ berücksichtigen, wenn sich die Leistungen zuletzt deutlich verschlechtert haben und gravierende Lücken im fachbezogenen Grundwissen bestehen. Dies hat die für das Schulrecht zuständige 6. Kammer des Verwaltungsgerichts Braunschweig in einem jetzt veröffentlichten Beschluss entschieden.

Die Kammer hat mit dieser Begründung die von einer Lehrerin vergebene Note “mangelhaft” als rechtmäßig angesehen, obwohl sich rechnerisch eine Note von 4,41 (abgerundet 4) ergab.

In dem Verfahren wollte ein Gymnasiast aus dem Landkreis seine Versetzung in die 8. Klasse erreichen. Er hatte in Französisch und Mathematik eine 5 erhalten. Da er diese Noten nicht durch Leistungen in anderen Fächern ausgleichen konnte, hatte die Klassenkonferenz entschieden, ihn nicht zu versetzen. Daraufhin stellte der Schüler, vertreten durch seine Eltern, einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht. Er machte vor allem geltend, die Note im Fach Französisch sei fehlerhaft, weil sie vom rechnerischen Durchschnitt seiner Leistungen abweiche. Die Französisch-Lehrerin hatte die Endnote damit begründet, dass die Leistungen des Schülers sich deutlich verschlechtert hätten: Er habe in den beiden letzten Vokabeltests eine 6 geschrieben und zuletzt wiederholt seine Hausaufgaben nicht angefertigt. Darüber hinaus bestünden gravierende Mängel in den Bereichen Grammatik und Wortschatz: Der Schüler begreife die grammatikalischen Zusammenhänge nicht und könne sich sowohl mündlich als auch schriftlich nur selten in kompletten Sätzen äußern.

Das Gericht lehnte den Eilantrag des Schülers ab. Für seine schriftlichen und mündlichen Leistungen im zweiten Schulhalbjahr und in dem für das Versetzungszeugnis ebenfalls zu berücksichtigenden ersten Halbjahr ergebe sich zwar eine Durchschnittsnote von 4,41. Die Lehrer seien aber bei der Notenvergabe nicht strikt an rechnerische Durchschnittsnoten gebunden und auch nicht dazu verpflichtet, in einem solchen Fall stets auf die Note 4 abzurunden. Sie müssten nach den rechtlichen Vorschriften bei der Notenvergabe vielmehr in pädagogischer Verantwortung eine Gesamtbewertung vornehmen, die die Beobachtungen im Unterricht sowie die Lern- und Leistungsentwicklung berücksichtige. Dies könne die Lehrkraft im Einzelfall zur Festsetzung einer Gesamtnote berechtigen, die von der sich rechnerisch aus den erbrachten Leistungen ergebenden Durchschnittsnote abweicht.

Insbesondere dürfen die Lehrkräfte - so die Richter weiter - bestehende Lücken im fachbezogenen Grundwissen negativ berücksichtigen, die die Lernentwicklung in den kommenden Schuljahren erheblich beeinträchtigen können. Außerdem dürfe in die Notenbildung einfließen, dass einige der zuletzt erbrachten Leistungen, denen eine erhebliche Bedeutung bei der Beurteilung des Lern- und Leistungsstandes zukommt, eine Lernentwicklung mit negativer Tendenz erkennen lassen. Der Lehrer müsse allerdings nachvollziehbar begründen, dass ein tragfähiger Grund dafür besteht, vom rechnerisch zu ermittelnden Leistungsbild abzuweichen.

Danach sei die Französisch-Note rechtlich nicht zu beanstanden. Die Lehrerin habe ausreichend begründet, warum sie vom rechnerischen Durchschnitt abgewichen sei. Sie habe bei der Gesamtnotenbildung darüber hinaus berücksichtigen müssen, dass der Schüler für einige Teilleistungen wie eine Klassenarbeit und einen Vokabeltest Noten mit negativen Tendenzen (”schwach ausreichend”) erhalten habe. (Beschluss vom 10.08.2010, Aktenzeichen 6 B 149/10)

30. August 2010

DGB NRW fordert Neuanfang in der Schulpolitik

um Schuljahresbeginn fordert der DGB NRW einen Neuanfang in der Schulpolitik. Die Absicht der Landesregierung, das verbindliche Grundschulgutachten und den Probeunterricht beim Übergang in die Sekundarstufe I abzuschaffen und dem Elternwillen wieder Vorrang einzuräumen, wird begrüßt.

“Eine Ellenbogenmentalität zu Lasten der Schwächeren können wir uns nicht mehr erlauben. Mit dem ewigen Aussortieren muss endgültig Schluss sein,” appelliert Dr. Sabine Graf, stellvertretende Vorsitzende des DGB NRW, heute in Düsseldorf. Damit sich die pädagogische Praxis in den weiterführenden Schulen ändert, fordert der DGB NRW ein Ende des Abschulens in andere Schulformen. “Auch hier weist der Koalitionsvertrag in die richtige Richtung. Die Kinder sollen so gefördert werden, dass sie den höchstmöglichen Abschluss auf der Schule erreichen können, die sie aufgenommen hat. Alle Kinder müssen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft individuell gefördert werden,” fordert Graf weiter.

Die größte Herausforderung sieht der DGB NRW in der Umsetzung des längeren gemeinsamen Lernens aller Schülerinnen und Schüler. Im Rahmen der Novellierung des Schulgesetzes muss es möglich sein, das gemeinsame Lernen bis zur 10. Klasse so umzusetzen, dass alle Abschlüsse der Sekundarstufe I erreicht werden können.

Wenn der DGB NRW das längere gemeinsame Lernen einfordert, so ist damit selbstverständlich das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen im Regelsystem gemeint. Dieser Anspruch kann aus gewerkschaftlicher Sicht nicht gegen den Elternwillen ausgespielt werden, da die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention den gleichberechtigten Anspruch aller Kinder auf Bildung verlangt.

Die Oppositionsparteien ermahnt die Gewerkschafterin, im Rahmen der Haushaltsverhandlungen keine Blockadestrategie zu fahren. “Die Erhöhung der Bildungsinvestitionen auf 10% des Bruttoinlandsproduktes war ein gemeinsames Ziel des Dresdner Bildungsgipfels, welchem auch die CDU zugestimmt hat. In den steigenden Investitionen in Bildung sehen wir eine der wesentlichen Voraussetzungen für das Gelingen einer erfolgreichen Schul- und Bildungspolitik,” appelliert Dr. Sabine Graf.

DGB Bezirk NRW
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13. Juli 2010

Koalitionsvertrag abgeschlossen

Der Koalitionsvertrag kann abgerufen werden unter

www.gruene-nrw.de/koalitionsvertrag

Zentrale Aussagen:

Wir wollen mit allen Fraktionen und Akteuren einen Konsens in der Schulpolitik erreichen.

Wir haben schon in der letzten Legislatur dazu aufgefordert, wegen der Notwendigkeit der inneren und äußeren Schulentwicklung einen Konsensversuch zu unternehmen. Jürgen Rüttgers ist das nach der Wahl auch eingefallen. Wir nehmen uns selbst ernst und werden die anderen Fraktionen noch einmal einladen. Die FDP hat allerdings schon signalisiert, dass sie eine Einladung nicht annehmen werde.

Sofortprogramm korrigiert Schwarz-gelb: Kopfnoten werden abgeschafft, die Drittelparität von LehrerInnen-SchülerInnen-Eltern in der Schulkonferenz wird wieder hergestellt, Kommunen können Grundschulbezirke wieder einführen, und die Verbindlichkeit der Grundschulgutachten wird aufgehoben, d.h. die Eltern entscheiden über den Besuch der weiterführenden Schule.

Diese Punkte erfordern eine Änderung des Schulgesetzes. Schon zur Plenarsitzung am 15.07. bringen wir hierzu einen Gesetzentwurf ein (kleine Schulgesetznovelle). Da bei Gesetzesänderungen Anhörungen vorgeschrieben sind, ist mit einer Verabschiedung erst Ende des Jahres zu rechnen.

Damit würden die Kopfnoten zum nächsten Schulhalbjahr entfallen und die Grundschulbezirke und Grundschulgutachten zur nächsten Anmeldephase im Februar 2011. Die Drittelparität würde zum Schuljahr 2011/2012 wirksam.

Das weitere Vorziehen des Einschulungsalters wird gestoppt, kommunale Schulmodelle werden unverzüglich genehmigt, ebenso den neugegründeten Gesamtschulen der Ganztag und der Gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen.

Bestimmte Entscheidungen erfordern keine Gesetzesänderung und können administrativ gefällt werden. Da Das Schulministerium von Sylvia Löhrmann geführt werden wird, sind wir sicher, dass hier rasch richtige und wichtige Entscheidungen fallen.

Wichtig ist, dass Kommunen, die Schulmodelle entwickelt haben und bislang aus Furcht vor dem bislang restriktiven Ministerium keine Anträge gestellt haben, nun rasch Anträge auf Genehmigung stellen (am besten auch das Ministerinbüro direkt informieren). §25 des Schulgesetzes erlaubt die Genehmigung von Schulversuchen.

Gleiches gilt auch für bereits genehmigte Schulmodelle, die aber nicht wie ursprünglich geplant genehmigt wurden, und die nun die Chance haben, bestimmte Restriktionen loszuwerden. Auch sie sollten neue Anträge stellen

Die Gründung von Gesamtschulen wurde seitens der Landesregierung bisher behindert, neuen Gesamtschulen der Ganztag vorenthalten und der Gemeinsame Unterricht untersagt. Damit soll Schluss sein. Die 39 Initiativen zur Gründung von Gesamtschulen in NRW werden Rückenwind erhalten.

Ein Inklusionsplan wird die Forderungen der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen umsetzen.

Eine fraktionsübergreifende Entschließung zum Thema Inklusion ist im Dezember 2009 nach monatelangen Verhandlungen an der FDP gescheitert, die CDU lehnte damals aus Koalitionsgründen entgegen der eigenen Überzeugung ebenfalls ab.


Das Ministerium hat seither nur zweimal zu einem Runden Tisch gebeten, ohne verbindliche Verabredungen zu treffen. Nun werden SPD/Grüne zum 15.07. den Antrag von Dezember erneut ins Plenum bringen und wir hoffen, dass die CDU diesmal mitstimmt. In dem Antrag wird die Landesregierung aufgefordert einen Inklusionsplan aufzustellen. Darin wird geregelt werden, wie der Umbau vom aussortierenden Förderschulsystem hin zum inklusiven Bildungssystem bewerkstelligt werden kann. Zurzeit besuchen 85 % der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Förderschule, 15 % nehmen am Gemeinsamen Unterricht in der Regelschule teil. Dieses Verhältnis wollen wir in wenigen Jahren umkehren. Für die Umsetzung des Inklusionsplans, z.B. für zusätzliches Personal und Fortbildung wird es einen Fonds geben. Die Kompetenzzentren sollen langfristig zu Beratungszentren, also Schulen ohne Schüler werden.

Direkt nach Regierungsübernahme wird alles unternommen, damit möglichst jedes Kind, deren Eltern den Besuch der Regelschule wünschen, auch einen Platz dort erhält. Eltern, die hier auf Schwierigkeiten stoßen, sollten sich bei uns / im Ministerium melden.

Das Recht auf inklusive Bildung werden wir schulgesetzlich verankern. Dafür ist eine Schulgesetznovelle notwendig, die so schnell wie möglich auf den Weg gebracht werden soll.

Offener Ganztag an Grundschulen wird ausgebaut und die Pauschalen werden noch in 2010 erhöht. Der Ganztag an der Sekundarstufe I wird ebenfalls ausgebaut.

Seit 2003 wurden die Pauschalen für die Offene Ganztagsgrundschule nicht an die Tarifsteigerungen angepasst. Erhöhungen gingen so zu Lasten der Kommunen und Träger und meist auch zu Lasten der Qualität. Hier soll kurzfristig schon eine Anpassung erfolgen. Der Ganztagsausbau geht weiter: pro Jahr sollen 20.000 Plätze in den Grundschulen dazukommen und auch in der Sekundarstufe I wird es einen Ausbau geben. Gemeinschaftsschulen sollen in der Regel Ganztagsschulen sein.

Kleinere Klassen: Die freiwerdenden Finanzmittel durch rückläufige Schülerzahlen (Demografischer Effekt) bleiben im System und werden für Qualitätsverbesserungen genutzt, um u.a. kleinere Lerngruppen zu ermöglichen.

Das ist nicht selbstverständlich: Freiwerdende Mittel fließen nicht zurück in den allgemeinen Haushalt, sondern werden zu Verbesserung genutzt. Hierzu zählen innovative Projekte, Fortbildungen und Verbesserungen der Unterrichtssituation. Hierzu gehört z.B. die Möglichkeit, Lerngruppen zu verkleinern oder mit zwei Lehrkräften zu unterrichten. Übrigens hatte die abgewählte schwarz-gelbe Landesregierung keineswegs vor, die Demografie-Effekte zu belassen, wie uns jetzt zugängliche Unterlagen zeigen.

Gymnasien sollen bis Anfang 2011 entscheiden, ob sie weiterhin das Abitur nach acht Jahren anbieten wollen oder ob sie zum neunjährigen Abitur zurückkehren wollen. Die Entscheidung bleibt dann bindend.

Das Turbo-Abi hat für viel Ärger gesorgt. Ein komplettes Zurück ist aber nicht sinnvoll und würde an den Schulen, die sich mit viel Mühe umgestellt haben und G8 beibehalten wollen, neuen Ärger verursachen. Deshalb wollen wir die Entscheidung über G8 oder G9 in die Hände der jeweiligen Schulkonferenzen legen. Dort sollen Lehrkräfte, SchülerInnen und Eltern gemeinsam entscheiden, wie es weitergehen soll. Hierfür wird es ein Zeitfenster bis Anfang 2011 geben. Wir empfehlen, dazu in den Schulen Befragungen durchzuführen, damit Eltern und SchülerInnen angemessen einbezogen werden.

Längeres gemeinsames Lernen:

Jede Schule muss alle einmal aufgenommenen Kinder zum Abschluss führen. Abschulen wird abgeschafft.

Gemeinschaftsschule: Sie wird schulgesetzlich ermöglicht, über die Einführung vor Ort entscheiden die Kommunen. Die Gemeinschaftsschule unterrichtet in Klassen 5 & 6 gemeinsam. Danach kann integriert unterrichtet werden oder nach Bildungsgängen getrennt. Jede Gemeinschaftsschule muss auch gymnasiale Standards einschließen und jede muss Anschluss an die Sekundarstufe II bieten, d.h. mindestens mit einer Oberstufe eines benachbarten Gymnasium oder Gesamtsschule kooperieren.

Von verschiedenen Seiten wird ein “Schulkrieg” ausgerufen. Dabei gilt der alte Satz: Die lautesten Kritker der Elche sind selber welche!

Das Schulkriegszenario, das interessierte Kreise am Leben zu halten versuchen, wird von uns nicht bedient!

Wichtig ist: Grundschulen bleiben wie bisher Schulen bis Klasse 4. Die Grundschulzeit wird nicht verlängert.

Keine Schule wird von uns geschlossen. Über Schulschließungen und Zusammenlegungen wie über Neugründungen entscheiden die Schulen und die Kommunen vor Ort. Wir legen  den Rahmen fest. Dabei ist uns wichtig, dass die neue Gemeinschaftsschule gymnasiale Standards enthält, d.h. die Option auf Bildungsabschluss Abitur soll enthalten sein. Wir wollen kein Zweisäulenmodell von Gymnasium mit Abitur und Schule ohne Abitur, wie es der FDP vorschwebt.

Mehr Entscheidungskompetenzen für die Schulen, mehr Entscheidungskompetenzen für die Kommunen. Die Schulaufsicht wird daran angepasst.

Mit einer großen Schulgesetznovelle werden die Aufgaben neu geordnet. Ziel ist mehr Verantwortung vor Ort. Das bedeutet auch für Grüne vor Ort mehr Möglichkeit zur Einmischung und Gestaltung. Genaueres wird sich erst im Gesetzgebungsprozess ergeben können.

Die Lehrerausbildung wird novelliert und in Zukunft schulformunabhängig sein. Die Dauer des Referendariats wird auf 18 Monate festgeschrieben. Eine Kommission zur Dienstrechtsreform wird Vorschläge für gerechtere Besoldung, Bezahlung und Arbeitszeit der Lehrkräfte entwickeln und auch das Problem der finanziellen Nachteile der angestellten LehrerInnen angehen.

Die Pressemeldung, Rot-Grün plane Mehrarbeit für Lehrer war eine bewusste Falschmeldung. Die Lehramtsanwärter, die im Sommer 2010 nicht zum Zuge gekommen sind, wollen wir schnellstmöglich beginnen lassen und vermeiden, dass sich zum Einstellungstermin 1.2.2011 keinerlei Hindernisse ergeben .

In der Weiterbildung werden die Kürzungen seit 2005 zurückgenommen.

Dies betrifft Volkshochschulen und Weiterbildungseinrichtungen freier Träger gleichermaßen.

17. Juni 2010

Süssmuth: Integration für “Altzuwanderer” gefährdet

Rund 30.000 integrationswillige so genannte “Altzuwanderer”, die ihre Deutschkenntnisse verbessern wollen, müssen in diesem Jahr damit rechnen, nicht zu einem Integrationskurs zugelassen zu werden. Darauf hat die Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes e.V. (DVV), Prof. Dr. Rita Süssmuth, heute in Berlin hingewiesen.

Hintergrund ist, dass dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) angesichts der nach wie vor erfreulich hohen Kursnachfrage rund 30 Millionen Euro an Haushaltsmitteln bis Ende des Jahres fehlen werden. Als Folge ist nun geplant, die Zahl der Kurszulassungen für bereits länger in Deutschland lebende Zuwanderer auf 38.000 zurück zu schrauben. Das ist im Vergleich zu 67.000 Zulassungen im Jahr 2009 ein Rückgang von fast 50 Prozent.

Die Präsidentin des größten deutschen Erwachsenenbildungsverbandes hat sich deshalb an Bundesregierung und Fraktionen gewandt und appelliert, dem Integrationsbereich die dringend benötigten zusätzlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Denn: “Integrationspolitisch wäre eine solch drastische Zulassungseinschränkung ein fatales Signal, weil sie auf Zuwanderer demotivierend wirken würde und letztlich Zweifel an dem hohen Stellenwert der Integration in Deutschland hervorruft”, betonte Süssmuth. Es müssten sich ausgerechnet jene Zuwanderer, die aus Eigeninteresse an einem Kurs teilnehmen wollen, auf monatelange Wartezeiten einstellen, bevor sie einen Kurs absolvieren können.

Es bestehe ein breiter politischer Konsens darin, dass Bildung und Integration zu den wichtigsten Aufgaben unserer Zeit zählen. Jetzt gehe es darum, so Süssmuth, auch in wirtschaftlich äußerst schwierigen Zeiten Flagge zu zeigen und Investitionen in Bildung und Teilhabe am Arbeitsmarkt zu stärken.

Der Deutsche Volkshochschul-Verband ist die bildungs- und verbandspolitische Vertretung der Volkshochschulen und der VHS-Landesverbände auf Bundes- und europäischer Ebene. Hinter ihm stehen die rund 1000 Volkshochschulen in Deutschland.

9. Juni 2010

Weitere Grundschule im Duisburger Süden vor dem Aus

Die Grundschulfiliale an der Nordhäuser Straße in Ungelsheim soll geschlossen werden. Nur noch sieben Neuanmeldungen gab es für das kommende Schuljahr. Für das Gebäude hat die St. George’s School Pläne.

Am Dienstag informierten Verantwortliche der englischsprachigen St. George’s School Vertreter der Bezirksvertretung Süd in einem interfraktionellen Gespräch über ihre Pläne in Ungelsheim. Am morgigen Donnerstag, 10. Juni, steht die Zukunft der Filiale der Gemeinschaftsgrundschule Am Lindentor an der Nordhäuser Straße Ungelsheim auf der Tagesordnung.

Der Tagespunkt 20, „Optimierung Flächenbindung an Schulen“, birgt Sprengstoff. Soll die Filiale der Grundschule Am Lindentor doch dichtgemacht werden. Für das Gebäude gibt es aber bereits Pläne. Und zwar eben die, die gestern hinter verschlossenen Türen von den Verantwortlichen der englischsprachigen Schule vorgestellt wurden. Zuvor war Bezirksbürgermeister Dietmar Eliaß , genauso wie alle anderen Verantwortlichen, noch nicht im Bilde, was sich an der Nordhäuser Straße tun soll.

Eliteschulen?

Trotzdem bemängelte der Sozialdemokrat die Überlegung, die Filiale zu schließen. „Dadurch, dass die schwarz-gelbe Landesregierung die Schulbezirksgrenzen aufgehoben hat und somit jedes Elternpaar selbst darüber entscheiden kann, auf welche Schule sein Kind geht, kommt es zu einer solchen Entwicklung“, so Eliaß. Er sei für die Wiedereinführung dieser Bezirksgrenzen und zudem dafür, in jedem Stadtteil mindestens eine Grundschule zu haben. „Ansonsten führt diese Entwicklung dahin, dass wir Eliteschulen und Nicht-Eliteschulen haben“, sagte der Bezirksbürgermeister.

Stadtsprecherin Anja Huntgeburth sagte, dass eine Schließung der Schulfiliale vor allem mit der Überalterung in Duisburg zu tun habe. Den Grundschülern aus Ungelsheim sei ein Schulweg beispielsweise zur Albert-Schweitzer-Schule im benachbarten Huckingen zuzumuten.

Mit der englischen Privatschule, die als potenzieller Nachfolger für das Schulgebäude an der Nordhäuser Straße infrage kommt, sei man schon längere Zeit im Gespräch. „Zuzumuten ist vieles. Ich bin als Kind auch lange Wege gelaufen. Doch die Zeiten haben sich verändert. Heute, wo auch Mütter berufstätig sind, müssen Schulwege auch so gesichert sein, dass die Kinder den Weg alleine und ohne Gefahr zurücklegen können“, war die prompte Antwort von Eliaß auf diese Aussage Huntgeburths.

Ortstermin noch nicht ausgewertet

Der Weg aus Ungelsheim zur Albert-Schweitzer-Straße sei nicht ungefährlich. „Es gibt keine Beleuchtung und auch einen wilden Bach. Um den Weg sicher zu machen, bräuchte es einige Maßnahmen“, ist sich das SPD-Mitglied sicher. Huntgeburth teilte gestern mit, dass es schon einen Ortstermin gegeben habe, jedoch weder Polizei, noch Ordnungsamt diesen schon ausgewertet hätten. „Wir sind da mitten im Verfahren“, so die Stadtsprecherin. In der Sitzung der Bezirksvertretung wird dies sicherlich Thema sein.

37 Schüler

37 Schüler besuchen in drei Klassen die Grundschul-Filiale an der Nordhäuser Straße. Die Anmeldezahlen für das kommende Schuljahr belaufen sich auf sieben bis acht Schüler, so eine Sprecherin der Stadt gestern. Sie fügte hinzu, dass nicht die Stadt, sondern das Land über eine Weiterführung der Schule entscheide.

Quelle: RP Online

1. Juni 2010

Schülerin Meyer-Landrut und das Englisch

Lenas Direktor und das Fake-Englisch

Klingt das „Gesangsenglisch“ von Lena anders als ihr gesprochenes Englisch? Der Direktor ihrer Gesamtschule behauptet das – eine Verantwortung für Lenas lustigen Akzent weist er indes zurück.
Bernd Steinkamp muss es wissen: Singt Lena in ihrem Eurovisions-Siegertitel eine Art Fantasie-Englisch? Steinkamp leitet die Integrierte Gesamtschule (IGS) Roderbruch in Hannover, an der die 19-jährige Gewinnerin des Eurovision Song Contest vor wenigen Wochen ihre Abiturprüfungen abgelegt hatte. Der Pädagoge ist amüsiert über Lenas Akzent, den er für eine Nachahmung hält. Ihr „Gesangsenglisch“ erinnere ihn immer an Kate Nash, erklärte Steinkamp am Montag in Hannover. Wenn sie Englisch spreche, sei das aber ganz anders. „In Interviews ist ihr Englisch doch vorzüglich, oder nicht?“, so Steinkamp weiter.

Hat Lena ihren Akzent aus der Schule?

In seiner Schule habe er jedenfalls „noch keinen Verantwortlichen für dieses lustige Englisch ausmachen können“, sagte Steinkamp. Lena sei erst im Alter von 15 Jahren an seine Schule gekommen, vermutlich sei sie schon vorher geprägt worden, so der Schulleiter. Die 19-Jährige selbst hatte nach Kritik an ihrer englischen Aussprache immer wieder betont, dass sie nur das Englisch spreche, dass die Lehrer ihr beigebracht hätten.
Steinkamp sieht unterdessen in dem Sieg seiner Schülerin beim Eurovision Song Contest auch einen Erfolg für das Konzept der Gesamtschule. Ganz besonders habe ihn deshalb gefreut, dass Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) Lena mit einem Blumenstrauß am Flughafen empfangen habe. „Wulff ist ja eher ein Gegner von Gesamtschulen. Ich hoffe, dass er nun erkennt, dass sich eine solche Persönlichkeit nicht bei einem zwölfjährigen Abitur entfalten kann.“

Schulleiter beklagt „Medien-Tsunami“

Schließlich sei Lena an der Schule kein Einzelfall. „Hier gibt es viele junge Mädchen mit einem außerordentlichen Talent“, sagte er. Dass demnächst wieder eine seiner Schülerinnen erfolgreich ist, hält er deshalb nicht für ausgeschlossen. Lena allerdings rät er davon ab, im kommenden Jahr nochmals beim Eurovision Song Contest anzutreten. „Da kann man sich nur verschleißen“, so der Schulleiter.
Entnervt zeigte sich Steinkamp vom geballten Medieninteresse an Lena und damit auch an seiner Schule. „Wie ein Tsunami ist die Medienwelt über uns hereingerollt“, beklagte sich der Schuldirektor. TV-Kameras und Übertragungswagen hatten sich am Montag bereits zur ersten Unterrichtsstunde vor der IGS in Hannover postiert. Steinkamp musste am Vormittag ein Interview nach dem anderen geben. „Es ist nervig“, erklärte der Pädagoge. Er sei froh, wenn er sich wieder seiner eigentlichen Aufgabe widmen könne. „Das ist nicht mein Hauptjob, Interviews zu geben.”
Quelle: Focus Online
31. Mai 2010

SPD hält an Grundschule fest

Düsseldorf. In Sachen Schule versteht die SPD keinen Spaß: Die Sozialdemokraten wollen die Politik der schwarz-gelben Landesregierung gründlich korrigieren, halten aber an der vierjährigen Grundschule fest.

Vor fünf Jahren krempelten CDU und FDP das NRW-Schulgesetz nach der gewonnenen Wahl in nur drei Wochen völlig um: Lehrern wurde mit der „verbindlichen Grundschulempfehlung” das letzte Wort zugesprochen, welche weiterführende Schule ein Kind besuchen darf. Kopfnoten wurden eingeführt, Grundschulbezirke abgeschafft, in der Schulkonferenz erhielten Lehrer Stimmenmehrheit vor Eltern und Schülern. All das und noch mehr will die SPD jetzt korrigieren. Als gravierendste Reform strebt sie aber die Einführung der Gemeinschaftsschule an.

Die vierjährige Grundschule wird demnach nicht angetastet. Anschließend ist in der Gemeinschaftsschule das gemeinsame Lernen für alle bis Klasse 6 verpflichtend. Ab Klasse 7 können die Kinder auf die Bildungsgänge Gymnasium, Real- oder Hauptschule aufgeteilt werden. Wahlweise kann in Absprache mit Schulträgern und Eltern der gemeinsame Unterricht bis Klasse 10 fortgesetzt werden. Danach ist ein Wechsel in die gymnasiale Oberstufe möglich.

„Wir wollen die Gemeinschaftsschule flächendeckend ermöglichen”, sagt SPD-Schulexpertin Ute Schäfer. Sie solle „mit den Menschen entwickelt” werden. Ein SPD-Parteitag hatte noch die „verbindliche” Einführung beschlossen. Ziel der Grünen ist es, pro Jahr zehn Prozent der Schulen aus der Sekundarstufe I auf den Weg zur „Einen Schule für alle Kinder” zu bringen.

Dabei setzen sie auf Anreize: Klassen mit maximal 25 Kindern, gute Ganztagsangebote und Lehrerfortbildung. „Letztlich gibt es keine Unterschiede”, vergleicht Fraktionschefin Sylvia Löhrmann die Modelle von Rot und Grün.

Für die SPD ist die Gemeinschaftsschule eine Frage der Glaubwürdigkeit. „An diesem Punkt haben wir am deutlichsten Vergangenheitsbewältigung betrieben”, sagt ein Genosse. Für Schäfer wäre es „sinnvoll”, den Verfassungsrang, den die Hauptschule in NRW genießt, abzuschaffen: „Das würde die Einführung der Gemeinschaftsschule erleichtern.” Dafür wäre allerdings eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Landtag nötig.

Quelle: NRZ

Gemeinsames Essen erfüllt wichtigen Zweck

Dass ein täglich warmes Mittagessen finanziert werden will ist klar. Da sich Eltern von Kindern in Ganztagsschulen diese Mahlzeit häufig nicht leisten können, sammelte das Bündnis „Bürger stiften Bildung“ Spenden.

Ein warmes Mittagessen gehört zur Ganztagschule. Genau wie Hausaufgabenbetreuung, Sport und Spiel. Doch für die warme Mahlzeit müssen Eltern extra zahlen: Neben dem Elternbeitrag für die pädagogische Betreuung am Nachmittag, der sich nach der Einkommenshöhe richtet, werden pro Mittagessen 2,50 Euro fällig. Immer mehr Eltern in Leverkusen können sich diesen Beitrag aber nicht leisten, und auch für Schulbücher fehlt Geld. Insgesamt 2000 Kinder sind betroffen, davon 573 Grundschulkinder in den Offenen Ganztagsschulen.

Hilfe gibt es seit einigen Jahren vom Land. Für Kinder aus finanzschwachen Familien zahlt NRW aus dem Fonds „Kein Kind ohne Mahlzeit“ einen Zuschuss von einem Euro pro Mittagessen - aber nur wenn der Schulträger, also die Stadt Leverkusen, weitere 50 Cent zusteuert. Eine freiwillige Ausgabe, die der Stadt im Nothaushalt nicht erlaubt ist. Die Co-Finanzierung zu gewährleisten ist deshalb Aufgabe der Initiative „Bürger stiften Bildung“. Das Bündnis von Stadtschulpflegschaft, Flüchtlingsrat, Stadt, Kinderschutzbund und Bürgerstiftung der Sparkasse Leverkusen sammelt Spenden. 30 000 Euro werden bis Ende des Schuljahres benötigt, damit es den Landeszuschuss gibt und die Eltern der betroffenen Schüler fürs Mittagessen nur einen statt 2,50 Euro bezahlen müssen.

Im Rahmen der Fachtagung im Offenen Ganztag stellte das Bündnis eine neue Plakataktion vor. Bekannte Bürger der Stadt, unter anderem Kabarettist Wilfried Schmickler und Stadtbibliothekleiterin Lucia Werder, haben sich ablichten lassen und sollen auf Plakaten demnächst in allen öffentlichen Gebäuden zu sehen sein. „Mittagessen + Schulbücher = Bildung“ lautet die Formel, die „Menschen mit Herz und Verstand“ zum Spenden motivieren soll. Gesammelt wird zunächst für die 573 Kinder aus dem Primarbereich. Sollte darüber hinaus Geld zur Verfügung stehen, würden davon auch Mittagessen an weiterführenden Schulen sowie Schulbücher finanziert.

Dass Eltern ihre Kinder aus Finanznot nicht für den Ganztag anmelden, hält Elternsprecherin Christiane Hesse-Länder für fatal: „Wir wollen nicht, dass Kinder ausgegrenzt werden, weil ihre Eltern sich den Betrag fürs Mittagessen nicht leisten können.“ Jörg Hohlweger, evangelischer Pfarrer aus Rheindorf, betonte, das gemeinsame Mittagessen in der Schule bringe Kinder aller Kulturen an einen Tisch und erfülle somit eine wichtige soziale Funktion. „In Rheindorf haben wir 130 Kinder im Offenen Ganztag, davon müssen 65 bezuschusst werden. Ohne die Bürgerstiftung könnten sie nicht am Mittagessen teilnehmen“, betonte Hohlweger. Indes: Auch die Kosten von einem Euro für Finanzschwache würden längst nicht von allen Eltern bezahlt. Man sei bemüht, im Einzelfall auch geringere Zahlungen zu erwirken, „den Rest finanzieren wir aus privaten Spenden oder der Kollekte.“

Auch kleine Spenden helfen

Die Mitglieder des Bündnisses betonten, dass auch kleine Spenden nützen. „Jeder Euro, der gespendet wird, verdoppelt sich durch den Landeszuschuss“, betonte Michael Rheindorf, Geschäftsführer der Bürgerstiftung. Kegelclubs oder Skatrunden könnten ebenso helfen wie Unternehmen, die eine Patenschaft für eine Schule in ihrer Nachbarschaft übernehmen wollen.

Linktipp: Bürger stfiten Bildung

Quelle: Kölner Stadtanzeiger

“Diese Typen haben den Koran nie aufgeschlagen”

Manchmal möchte Lamya Kaddor ihren Schülern am liebsten nur Sechsen geben. Aber dann sagt die Islamkundelehrerin sich: Zum Glück bin ich nicht im Ghetto aufgewachsen. Ein Interview.

Frau Kaddor, Sie sind gläubige Muslima, haben Islamwissenschaften studiert, unterrichten Islamkunde. Hier bei Ihnen in Duisburg wurde vergangenes Jahr die größte Moschee Deutschlands eingeweiht. Darüber haben Sie sich sicher sehr gefreut.
Na ja, ich gehe eigentlich nie in eine Moschee.

Bitte?

Mir passt vieles nicht, was da gepredigt wird – etwa, wenn es um die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau geht. Fast immer spielt die Politik hinein: In der einen Moschee wird gegen Israel gewettert, in der anderen kriegen Sie die türkische Staatspolitik serviert. Auch die Art des Predigens, dieses ständige Ermahnen, gefällt mir nicht.

Sie gelten als Vordenkerin der liberalen Muslime in Deutschland. Viele Menschen bezweifeln, dass es das überhaupt gibt: liberale Muslime.

Und ob es die gibt! Leute wie ich sind die Mehrheit. Wir sind hier aufgewachsen, haben eine Ausbildung gemacht oder studiert. Wir leben hier gut, und wir identifizieren uns mit diesem Staat. Nur glauben wir eben an den Islam.

Ihre Erfahrungen als Lehrerin an einer Hauptschule im Problemviertel Lohberg sind nicht dazu angetan, das Image des Islam zu verbessern. Ihre muslimischen Schüler haben schlechte Noten, hängen einem altertümlichen Ehrbegriff an, sind oft gewalttätig.

Diese Probleme haben nichts mit der Religion, sondern mit der sozialen Herkunft zu tun. Sie betreffen auch viele der deutschstämmigen Jugendlichen. Meine muslimischen Schüler sind auch gar nicht religiös, sie behaupten das nur, um sich abzugrenzen. Die meisten sind Deutschtürken: In Deutschland werden sie nicht als Deutsche, in der Türkei nicht als Türken akzeptiert. Also bleibt die Religion als Identitätsfaktor. Im Islam ist es einfach, dazuzugehören. Sie müssen keine besonderen Vorleistungen erbringen, um die Religion für sich anzunehmen. Trotzdem wissen meine Schüler so gut wie nichts darüber.

Sie schreiben, einige Ihrer Schüler seien entsetzt gewesen, dass Sie kein Kopftuch tragen.

Ja, für viele der Mädchen gehört das Kopftuch einfach dazu, wie bei anderen die offenen, langen blonden Haare – es geht dabei nicht um religiösen Zwang oder ein politisches Symbol. Keine Einzige konnte mir bislang erklären, warum sie es trägt. Sie sagen: Das steht im Koran. Dann frage ich: Wo denn? Antwort: Das weiß doch jeder, dass das da drin steht! Ich selbst halte das Kopftuch hier im Deutschland des 21. Jahrhunderts einfach für unzeitgemäß. Im 7. Jahrhundert, als Mohammed den Koran empfangen hat, war man ohne das Tuch angreifbar, fast vogelfrei. Diese Schutzfunktion braucht es in der heutigen Gesellschaft nicht mehr, da mich Recht und Gesetz schützen. Ob ich meine Haare zeige oder nicht, ist völlig egal. Ich habe natürlich nichts dagegen, dass jemand Kopftuch trägt, aber ich finde, man sollte wissen, warum.

Sie wollen, dass sich Ihre Schüler kritischer mit der Religion auseinandersetzen?

Genau, kritisch im Sinne von Hinterfragen. Ich frage sie auch: Gibt es Gott? Da sagen die: Um Himmels Willen, so was darf man nicht fragen! Aber sie lassen sich dann doch darauf ein. Umgekehrt nehme ich sie ernst mit ihren Problemen. Wenn ein Junge sagt: Meine Freundin ist schwanger, was soll ich machen? Oder: Mein Vater will eine zweite Frau heiraten, was soll ich tun?

Und was sagen Sie dann?

Wenn man den Koran traditionell auslegt, dann ist die Vielehe zumindest religiös gesehen möglich. Ich erkläre ihnen aber auch, dass ich das nicht gut finde, dass das viel Leid und Verletzungen für die Frauen wie für die Männer bedeutet.

Erwarten die Jungs an Ihrer Schule wirklich, dass ihre künftige Frau als Jungfrau in die Ehe geht?

Teilweise schon, weil sonst die Familienehre beschmutzt ist. Sich selbst nehmen sie aber aus. Bei all dem berufen sie sich auf den Koran – dabei müssen, wenn man dem Koran folgt, beide Geschlechter keusch in die Ehe gehen. Ich mache das konfrontativ im Unterricht: Ich nehme mir jemanden heraus, von dem ich weiß, er hat eine Freundin. Dann erzählt der, wie lange sie schon zusammen sind. Ich frage: Dürfte das deine Schwester auch? Antwort: Nein, wer soll sie denn heiraten, wenn sie keine Jungfrau ist? – Ach, du würdest keine Frau heiraten, die keine Jungfrau mehr ist? – Nö. – Und warum bist du keine Jungfrau mehr?

Wie reagieren dann die Mädchen?

Die freuen sich. Sie wissen ja, dass die meisten männlichen Klassenkameraden Freundinnen haben. Die Mädchen haben auch Freunde, aber im Geheimen. Deshalb sagen sie nichts. Was die Mädchen am meisten ärgert, sind die Jungs, die hinter ihnen herschnüffeln. Eine Schülerin war mit ihrem Freund mal in Oberhausen und wurde dort von einem aus Duisburg gesehen. Der hat das sofort weitergetragen.

Warum begehren die Jugendlichen nicht gegen diese überkommenen Traditionen auf?

Weil sie gar nicht in der Lage sind, zu hinterfragen. Ihnen fehlt es an Bildung.

Oder trauen sie es sich nicht, weil es in den Familien sehr autoritär zugeht?

Bei den meisten gibt es gar keine Autorität. Die Mutter ist überfordert, der Vater ist abwesend, weil er arbeitet oder in einer Teestube rumsitzt. Bei meinen deutschstämmigen Schülern sieht es zuhause nicht besser aus. Die Jugendlichen können sich dann auch nicht anders wehren als durch schreien und schlagen. Morgens sind viele schon so aggressiv aufgeladen, dass man ihnen am liebsten lauter Sechsen geben würde. Die Ehrgeizigen werden gemobbt oder leben in ihrer eigenen Welt. Kaum einer meiner Schüler hat jemals von seinem Vater gesagt bekommen: Ich habe dich lieb. Zuwendung bekommen sie höchstens von der Mutter. Ich habe sie mal gefragt: Findet ihr das nicht komisch? Das ist denen auch aufgefallen, dass das komisch ist.

Warum haben Sie selbst sich so anders entwickelt als viele Ihrer Schüler?

Ich bin in Ahlen in Westfalen aufgewachsen, zunächst in einer Bergmannssiedlung. Als ich acht Jahre alt war, sind wir in einen Stadtteil gezogen, wo es eine gute Schule gab. Das war mein Glück, so bin ich nicht in einem Ghetto aufgewachsen wie viele meiner Schüler. Alle um sie herum sind so wie sie. Keiner ist klüger, ehrgeiziger. Alle leben in den Tag hinein. Meine Eltern kommen aus Syrien, aus dem städtischen Umfeld. Sie sind auch schulisch ungebildet. Aber Disziplin, sich bilden – das war ein großer Wert bei uns. Ich wurde immer gefragt, wie die Klausur gelaufen ist, meine Mutter war hinterher, dass ich Hausaufgaben mache, auch wenn sie inhaltlich nichts verstanden hat. Und doch habe auch ich oft das Gefühl, nicht dazuzugehören. Seit dem 11. September 2001 wird man als Muslim sehr anders angesehen.

Wie äußert sich das?

Vor dem 11. September hat sich niemand darum geschert, dass ich im Zug manchmal arabische Texte lese. Heute gucken die Leute komisch.

Passiert Ihnen so was auch unter Kollegen?

An meinem ersten Tag als Islamlehrerin sagte die Kollegin, die mich der Klasse vorstellte: Achtet mal darauf, wie gut die Frau Kaddor Deutsch spricht! Das saß. Da fühlte ich mich wie eine Ausländerin, obwohl ich nie eine gewesen bin.

Wie reagieren Ihre Schüler auf solche Situationen, in denen sie als Ausländer behandelt werden?

Mit Rückzug. Oder sie sagen: Scheiß Deutsche, scheiß Nazis! Wenn Sie einen pubertierenden 17-Jährigen vor sich haben, türkischer Herkunft, aus sozial schwachem Milieu, ungebildet, Bodybuilder, kahl rasiert – was glauben Sie, wie der reagiert? Da kriegt der andere eins drauf.

Was kann denn, zum Beispiel von Seiten der Politik, getan werden, damit mehr muslimische Kinder so aufwachsen wie Sie – mit Disziplin und Bildung?

Es müssen mehr Kampagnen mit Vorbildern gestartet werden. Jugendliche müssen verstehen, dass Bildung sehr wichtig für Ihre Zukunft ist und dass es eben Sinn macht, zur Schule zu gehen und eine vernünftige Berufsausbildung zu absolvieren.

Die Islamkritikerin Necla Kelek macht den Islam dafür verantwortlich, dass in türkischen Familien vieles schief läuft. In „Die verlorenen Söhne“ schreibt sie, dass im Koran das Recht auf Rache verbrieft sei. In Sure 17, Vers 33 steht: „Und tötet niemand, den zu töten Gott verboten hat, außer wenn ihr dazu berechtigt seid! Wenn einer zu Unrecht getötet wird, geben wir seinem nächsten Verwandten Vollmacht zur Rache.“

Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das steht auch im Alten Testament. Der Koran ist ein Zeugnis des 7. Jahrhunderts. Er spricht zu seiner Zeit. Damals war Rache an der Tagesordnung. Zu sagen, deshalb wird auch heute gemordet, ist schon theologisch falsch. Die Typen, die heute ihre Schwestern wegen der Familienehre umbringen, haben sicher nicht Sure 17 gelesen. Diese Typen haben den Koran nie aufgeschlagen.

Kelek behauptet, der Islam habe sich nicht weiterentwickelt. Er lasse sich nicht verändern.

Wo steht das? Im Koran nicht. Der appelliert: Setzt euren Verstand ein. Der Koran ist ja auch kein einheitliches Buch, sondern sehr schwer verständlich und widersprüchlich. Deshalb muss er in jeder Epoche neu interpretiert werden. Frau Kelek ist Soziologin, ihre Stärke liegt darin, die Probleme, die Wertvorstellungen einiger Muslime zu beschreiben. Sie sie ist keine Islamwissenschaftlerin, keine Theologin. Ihr Rückschluss, dass die Religion an allem schuld sei, ist Quatsch.

Sie sagen doch selbst, dass es keine Moschee gibt, in der Sie sich zu Hause fühlen.

Stimmt. Denn das traditionelle Denken ist institutionell sehr weit verbreitet. Man muss aber Traditionen, wie gesagt, vom Islam trennen.

Warum gibt es so viele Fundamentalisten im Islam?

Unter anderem hat das mit dem Einfluss der ultrakonservativen Wahhabiten zu tun. Die leben mehrheitlich in Saudi-Arabien und vertreten ein Textverständnis, das den Koran sehr wortgetreu auslegt und versucht, das Weltbild aus dem 7. Jahrhundert in die heutige Zeit zu übertragen – inklusive Steinigung, Harem und Vielehe. Dass diese Richtung von so großer Bedeutung ist, liegt am Geld, von dem haben die Saudis dank des Erdöls genug. So haben sie Schulbücher für die Muslime in Bosnien finanziert, in denen die Grundlagen ihres Weltbilds vermittelt werden. Sie vertreiben auch weltweit Koranübersetzungen.

Bleibt die Frage, warum so viele Muslime für diesen Radikalismus empfänglich sind.

Wenn sie es sein sollten, dann weil sie zum Beispiel die Erfahrung machen, dass sie keinen Job finden, wenn sie ein Kopftuch tragen – selbst wenn sie studiert haben. Dann sagt einer: Das liegt daran, dass die Deutschen böse sind, und es ist toll, dass du zu deinem Kopftuch stehst. Da finden sie endlich einmal Bestätigung. Fundamentalisten nutzen den wunden Punkt bei den Leuten aus.

Als Vorbild, wie die Mehrheit mit der muslimischen Minderheit umgehen sollte, nennen Sie ausgerechnet die USA.

Ich will Amerika nicht rosarot malen. Bezeichnend ist, dass die Leute dort sagen: We are Muslim-Americans, egal wo sie ursprünglich herkamen. Hier behauptet dagegen noch kaum jemand voller Stolz: Ich bin deutscher Muslim. Und das hat natürlich damit zu tun, dass in den USA jeder Ami ist, der sich zu den Werten des Landes bekennt und halbwegs die Sprache sprechen kann. Das ist in Deutschland längst nicht so. Zudem sind die amerikanischen Muslime gebildeter, die meisten kamen als Studenten ins Land.

Umgekehrt plädieren Sie auch dafür, dass sich die Muslime stärker anpassen. Moscheen in Europa etwa sollten nicht mehr so orientalisch aussehen. Das ist überraschend, wenn man sich Ihre Wohnung ansieht: Hier stehen Palmen, Wasserpfeifen und ein geschnitztes Kamel, an der Wand hängen eine arabische Kalligrafie und Bilder von Damaskus.

Ich versuche, das Westliche und das Orientalische zu verbinden. Klar – ich finde den Orient toll! Aber die Küche oder mein Fernseher sind eben nicht orientalisch. Bei den Moscheen müsste es genau so sein. Die brauchen vielleicht nicht mehrere Kuppeln, sondern nur ein schmales Minarett, eben moderne Architektur.

Die Moschee im bayerischen Penzberg gefällt Ihnen besonders gut?

Ja, dort finden Sie zum Beispiel auf den Eingangstüren eine arabische Kalligrafie – und genauso groß daneben die deutsche Übersetzung.

Sie wollen einen Verein der liberalen Muslime gründen. Warum?

Um der schweigenden Mehrheit eine Stimme zu geben. Leuten, die ein normales Leben leben, die gläubig sind, deren Leben sich aber eben nicht nur um die Religion dreht. Alle anderen muslimischen Verbände verkörpern so etwas wie eine konservative Partei. Wir wollen eher progressiv sein – unter anderem, um den Konservativen die Lehrpläne für den Islamunterricht nicht allein zu überlassen.

Warum schweigt die Mehrheit denn überhaupt – zum Beispiel zum islamistischen Terror?

Viele befinden sich in einem Dilemma: Wieso muss ich mich, der ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen, ständig für Terroristen rechtfertigen? Zumal ein großer Teil der Opfer des Terrors Muslime sind. Die konservativen Verbände sagen dazu wirklich zu wenig. Und alle anderen, die liberaleren Stimmen, sind Einzelpersonen.

Haben Sie schon viele Rückmeldungen zu Ihrer Initiative erhalten?

Ja, viele wollen mitmachen und bedanken sich bei mir, weil ich ihnen aus der Seele gesprochen hätte – auch viele Frauen, ob mit oder ohne Kopftuch. Bei Facebook habe ich jetzt zahlreiche „Freunde“ und Fans, die ich größtenteils gar nicht kenne.

Für radikale Muslime müssen Sie dagegen eine ungeheure Provokation sein.

Manche Fundis schreiben mir, dass ich den Islam verwässern und falsch darstellen würde. Islamhasser wiederum glauben, ich sei die Schlimmste von allen: Ich würde mich nur als Liberale tarnen und wollte eigentlich missionieren …

Jetzt meldet sich Ihr Mobiltelefon – natürlich mit einem orientalischen Klingelton …

Wenn ich das öffentlich sage, bekomme ich wahrscheinlich Ärger mit den Arabern, aber egal! Das ist das Lied „Du bist mein Leben“ von Umm Kulthum, der ägyptischen Maria Callas – aber gesungen von einem israelischen Popstar.

Lamya Kaddor, 32, arbeitet als islamische Religionspädagogin an einer Hauptschule; sie hat einen Koran für Kinder und Erwachsene veröffentlicht. Vor kurzem erschien ihr Buch “Muslimisch - weiblich - deutsch!” bei CH. Beck. Sie lebt mit ihrem Mann und einer kleinen Tochter in Duisburg. Das Gespräch führten Claudia Keller und Björn Rosen.

Quelle: Tagesspiegel

Schavan: Mehr Mitsprache für den Bund bei Bildung

Ministerin will einheitliche Schulbücher

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat erneut geforderte, das Grundgesetz zu ändern und dem Bund mehr Zuständigkeiten für Bildung zu geben. Diese sei längst ein Thema von nationaler Bedeutung, erklärte sie heute in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung. Es wirke “komisch”, wenn zahllose Juristen damit beschäftigt seien, zu prüfen was Bund und Länder in der Bildungspolitik leisten dürften. Das gehöre dringend auf den Prüfstand, um “international wettbewerbsfähig zu bleiben.” Außerdem kritisierte sie, dass es in jedem der 16 Bundesländer unterschiedliche Schulbücher gebe.

Die Ministerin warnte zudem davor, Leistungen von Schulabgängern schlecht zu reden. “Es kommt nicht allein auf Zeugnisse an. Wir sollten uns schleunigst verabschieden von dem viel strapazierten Klischee, dass die Jugend früher besser ausgebildet gewesen sei”, sagte Schavan. Ausbildungsreife bedeute nicht allein Schulwissen, es gehe auch um Grundhaltungen und Motivation. “Da sind nicht nur Lehrer, sondern auch Eltern und eben auch die ausbildende Wirtschaft gefordert”, so Schavan gegenüber der Zeitung..

Von einer “Männerquote” in Schulkollegien hält die Ministerin nach eigenen Aussagen “gar nichts”. Wer unterrichten wolle, müsse dies “mögen”, erklärte sie in dem Interview. Allerdings seien m ehr Männer in Schulen und Kindergärten als Vorbilder für Jungen dringend erforderlich. Nur so sei der Trend zu stoppen, dass Mädchen in der Schule die Jungen leistungsmäßig “abhängen”.

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